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Von: Andreas Schiendorfer

Wenn jeder Match zum Länderspiel wird

Der FC Büsingen wurde 1924 gegründet. Nach einem kurzen Höhenflug in der 2. Liga des Zürcher Fussballverbandes träumt der deutsche Verein von besseren Zeiten. Die Saison 2006/07 beendete man allerdings in der 4. Liga Gruppe 12 auf dem bescheidenen 5. Platz. Nichtsdestotrotz gibt es Spezielles aus der Vereinsgeschichte zu berichten.

Die Büsinger sind gar keine richtigen Deutschen. Sie nennen sich stolz Exklavinger; denn ihre kleine Gemeinde ist ganz von schweizerischem Hoheitsgebiet umschlossen. Hätten die reformierten Schaffhauser nicht 1693 den katholischen Vogtherrn Eberhard Im Thurn entführt und sechs Jahre lang gefangen gehalten, wäre das damalige österreichische Dorf vermutlich 1723 wie einige andere Reiatgemeinden zur Schweiz gekommen. Noch heute beteuern viele Büsinger, sie wären gerne ganze Eidgenossen, zu drei Vierteln sind sie es allemal. Die Einwohner bezahlen mit Franken und gehören zolltechnisch zur Schweiz, seit 1986 besitzen sie sogar eine eigene Schweizer Postleitzahl (8238) und vor allem: Ihr Fussballklub spielt in der Schweiz, im Fussballverband Region Zürich FVRZ.

Lohnt sich eine Eingemeindung?
Würde es sich für die Büsinger überhaupt lohnen, ihren „exklasiven“ Sonderstatus aufzugeben? Gunnar Lang wäre dann kein Bürgermeister mehr, sondern nur noch ein gewöhnlicher Gemeindepräsident, einer Gemeinde notabene, der man wohl eine Fusion mit der Stadt Schaffhausen anraten würde.
Und umgekehrt, warum sollen wir die Büsinger einbürgern, wo doch ihre Fussballer momentan nur in der 4. Liga herumdümpeln? Die erste Mannschaft belegte in der Saison 2006/2007 in der Gruppe 12 der 4. Liga-Meisterschaft den fünften Platz, die Reserven in der 5. Liga, Gruppe 1, gar nur den 9. Rang. Da ist, trotz einer ansehnlichen Juniorenabteilung, keine nennenswerte Verstärkung für Jakob Kuhn in Sicht.
Dass in Büsingen eigene Gesetze herrschen, beweist auch die Frühzeit des 1924 gegründeten Vereins. Soll niemand behaupten, die Büsinger hätten die 1896 in Deutschland hochoffiziell eingeführte Fussballregel nicht gekannt: „Das Spielfeld muss von Bäumen und Sträuchern befreit sein.“ Und was machen sie? Sie stellen ihren Gegnern nicht nur ihre muskulösen, gleichsam eichenen Abwehrbeine entgegen, sondern auch noch einen wunderschönen Nussbaum, den es im Sechzehnmeterraum zu umdribbeln gilt. Kein Wunder ist ihre Heimstärke legendär. Jedoch immerhin: Am 30. April 1927 kam er weg, wurde er gefällt, der Nussbaum und existierte fortan nur noch im Protokollbuch.

Die legendäre Nussbaum-Aktion
„Es ist Samstag und schönes Wetter. Auf unserem Sportplatz herrscht reges Leben. Ein Teil der Leute ist mit Steine ablesen und Sägemehl streuen beschäftigt, denn morgen Sonntag, den 1. Mai, soll das 2. Wettspiel Randegg 1 contra Büsingen 1 stattfinden. Der Spielplatz ist nun in bester Ordnung, nur der einfältige Simpel von „Nussbaum“ steht noch da in seinem alten Trotz und seiner Unbequemlichkeit. Gegen Abend erscheint der Eigentümer des Platzes, Otto Rudolf, auf der Bildfläche. Nach eingehendem Gespräch mit dem 1. Spielführer und dem Präsidenten, bei dem auch Gottlieb von Ow etwas aufgefangen hat, kommt dieser gelaufen und murmelt etwas von Nussbaum umhauen und Maul halten. Man begibt sich nun wieder nach Hause, um sich nachts bei einem gemütlichen Hock im Löwen zu versammeln. Nach 22 Uhr wird wieder aufgebrochen und nun bringt Ernst Güntert die Botschaft, man könne dem Nussbaum das Lebenslicht ausblasen. Es bewaffneten sich nun Joseph, Gottlieb, Jakob, P. und Karl von Ow, Ernst Sigg und Max von Ow mit Pickeln, Schaufeln, Aexten, Seilen und etwa 5 rostigen Stallaternen und um 23 Uhr zieht der schaurige Zug auf den Sportplatz hinaus. Unter viel Gegröl, Gefluch und Gelächter wird der Baum umgraben und endlich mit Hilfe eines Seils daran gezogen. Aber so schnell fällt er nicht, immer wieder 10 Schaufeln und noch mal 10 Schaufeln werden herausgeworfen.
(...) Doch endlich gibt’s einen Krach und er liegt endgültig. Nachdem nun ein Vaterunser für ihn gebetet worden ist, wird er geschultert und mit vereinigter Fussballerkraft über den Platz getragen. Nachdem nun das Loch zugedeckt war, rüstet man sich zum Aufbruch, denn es ist spät geworden und morgen wird es alle Kraft brauchen, um ein ehrenvolles Resultat zu erringen. Ein kräftiges Hipp-hipp-hurra und jeder stieg zähneklappernd in seine Klappe.“
Auszug aus dem Protokollbuch vom 22. Mai 1927, zitiert nach „Büsingen. Eine deutsche Gemeinde in der Schweiz. 1090 – 1990“.

Und was lernen wir aus der Geschicht’? Richtig: Wenn Büsingen sein Wettspiel gegen Randegg austrug, gehörte es damals noch nicht zum Schweizerischen Fussballverband. Der Beitritt erfolgte wohl mit der 1947 erfolgten Neugründung. Zuvor waren die Fussballer jedoch mit der sportlichen Höchststrafe belegt worden: Sich dem Turnverein anzuschliessen, wurden sie 1937 von den Nationalsozialisten gezwungen! Wenn’s wenigstens der Männerchor gewesen wäre, wo man doch so gut zu singen versteht (siehe Büsinger Fussballlied).

1973 in der 2. Liga
Die sportliche Geschichte des FC Büsingen ist leider schnell erzählt. Im Jahr 1973 schaffte man immerhin den Aufstieg in die 2. Liga. In den letzten Jahren allerdings kann man von derlei Höhenflügen nicht einmal guten Gewissens träumen. Immerhin ist der Verein gesund, das Vereinsleben intakt.
Der ehedem heimtückische Sportplatz zu Füssen der idyllischen Bergkirche wurde zweimal gründlich saniert, in den Jahren 1962-66 und 1989. Beide Male musste man im Jahr der Einweihung den bitteren Abstieg in die 4. Liga in Kauf nehmen. Dort findet man sich auch heute wieder - nach einem Besuch in der untersten Liga allerdings.
Auf einem ganz anderen Gebiet sind die Kicker indes absolute Spitzenklasse: Mit ihrer Buurefasnacht haben die Büsinger Fussballer starke Beachtung gefunden, recht weit über die Landesgrenze hinaus.

Fussballerlied FC Büsingen
 
Brüder, lasst die Bundesfahne
in den Lüften weh'n, ja lasst sie weh'n!
Rot und weiss sind unsr'e Farben,
treu zu den wir steh'n, zu den wir steh'n!
Drum, ihr Büsinger Fussballspieler
haltet euer Wort!
Haltet euren Club in Ehren,
dass er blühe fort!
Haltet euren Club in Ehren,
dass er blühe fort!
Refrain:
Ja der FCB, der geht nicht unter!
Ja der FCB, der bleibt besteh'n!
Und wenn der ganze Sportplatz unter Wasser steht,
Ja der FCB, der bleibt besteh'n!
Er lebe hoch! Er lebe hoch! Er lebe dreimal hoch!
Er lebe hoch, er lebe hoch, er lebe hoch!
Und der Torwart auf der Lauer,
hält die Bälle fein. (Ja lässt sie rein)
Und die Back's steh'n wie ne Mauer,
hauen feste rein. (Ja auf die Bein)
Und die Half's, die Helfershelfer,
schiessen Bälle vor,
dass die kleinen flinken Stürmer
schiessen über's Tor.
Refrain:
Ja der FCB, der geht nicht unter!
Ja der FCB, der bleibt besteh'n!
Und wenn der ganze Sportplatz unter Wasser steht,
Ja der FCB, der bleibt besteh'n!
Er lebe hoch! Er lebe hoch! Er lebe dreimal hoch!
Er lebe hoch, er lebe hoch, er lebe hoch!
Dieses Liedlein haben gesungen,
in einer Sommernacht, ja Sommernacht.
Elf Büsinger Fussballjungen,
die dies Lied erdacht, ja Lied erdacht.
Drum, ihr Büsinger Fussballspieler
haltet euer Wort!
Haltet euren Club in Ehren,
dass er blühe fort!
Haltet euren Club in Ehren,
dass er blühe fort!
Refrain:
Ja der FCB, der geht nicht unter!
Ja der FCB, der bleibt besteh'n!
Und wenn der ganze Sportplatz unter Wasser steht,
Ja der FCB, der bleibt besteh'n!
Er lebe hoch! Er lebe hoch! Er lebe dreimal hoch!
Er lebe hoch, er lebe hoch, er lebe hoch!

Dieser Artikel wurde – in leicht gekürzter Form – im Buch „Am Ball – im Bild“, Zürich (NZZ libro) 2004, publiziert.